Alma – Der Weg zurück in die Lebendigkeit

Eine Erzählung über Selbstkontakt, Körperbewusstsein und die Kraft achtsamer Berührung

Alma sitzt Bus und schaut aus dem Fenster.

Die Stadt zieht an ihr vorbei, Menschen steigen ein und aus, irgendwo klingelt ein Fahrrad. Alles ist vertraut und gleichzeitig fühlt sich dieser Nachmittag ungewöhnlich an.

Seit fünf Jahren ist sie zum ersten Mal wieder mehrere Stunden ganz für sich.

Keine Kinder, die etwas brauchen.

Keine Termine.

Keine Verantwortung, die sie im Hinterkopf begleitet.

Nur Zeit.

Eigentlich sollte sie sich freuen.

Doch je näher sie ihrem Ziel kommt, desto deutlicher spürt sie die Unruhe in sich.

Was genau hat sie sich da eigentlich vorgenommen?

Eine Yoni-Massage.

Noch vor wenigen Wochen hätte sie selbst nicht geglaubt, dass sie diesen Schritt wagen würde.

Sie hatte darüber gelesen, nachdem ihr eine Freundin ganz selbstverständlich davon erzählt hatte. Diese Selbstverständlichkeit hatte sie überrascht. In ihrer Vorstellung war das Thema immer mit etwas Verborgenem, vielleicht sogar Fragwürdigem verbunden gewesen.

Doch die Beschreibung, die sie gefunden hatte, war anders.

Es ging nicht um Leistung.

Nicht darum, etwas Bestimmtes zu erreichen.

Sondern um Körperwahrnehmung, achtsame Berührung und darum, wieder mehr Verbindung zu sich selbst zu finden.

Genau danach sehnt sie sich.

Denn wenn sie ehrlich ist, hat sie sich selbst in den letzten Jahren ein Stück weit verloren.

Nicht dramatisch.

Nicht plötzlich.

Eher schleichend.

Mit der Geburt ihrer Kinder veränderte sich vieles. Ihr Alltag wurde voller, ihre Aufmerksamkeit war ständig nach außen gerichtet. Sie liebt ihre Familie und würde nichts davon missen wollen. Und doch spürt sie, dass etwas in ihr leiser geworden ist.

Ihre Lebendigkeit.

Ihre Leichtigkeit.

Das Gefühl, wirklich in ihrem Körper zu Hause zu sein.

Früher konnte sie sich fallen lassen. Sie und Philipp waren neugierig aufeinander, körperlich verbunden und spontan. Heute braucht alles Planung. Die wenigen Momente, in denen sie als Paar Zeit füreinander haben, sind oft überschattet von Müdigkeit und Erwartungen.

Gerade die Sexualität ist zu einem Thema geworden, das sie beschäftigt.

Nicht, weil etwas grundsätzlich falsch wäre.

Sondern weil sie sich selbst vermisst.

Sie vermisst diese Frau, die sich sinnlich und lebendig fühlte.

Die Lust nicht suchen musste.

Die einfach da war.

In letzter Zeit hat sie immer häufiger das Gefühl, hauptsächlich in ihrem Kopf zu leben. Sie funktioniert. Sie organisiert. Sie denkt voraus.

Aber ihren Körper spürt sie oft erst dann, wenn er müde ist.

Vielleicht, denkt sie, ist dies der Moment, etwas für sich zu tun.

Nicht gegen etwas.

Nicht weil sie kaputt ist.

Sondern weil sie wieder näher zu sich kommen möchte.

Noch zwei Haltestellen.

Ihr Herz schlägt schneller.

Ein Teil von ihr möchte am liebsten umkehren.

Doch sie bleibt sitzen.

Sie erinnert sich daran, dass sie jederzeit Nein sagen kann. Dass sie selbst entscheidet, was für sie stimmig ist.

Allein dieser Gedanke beruhigt sie.

Als sie aus der Straßenbahn steigt, geht sie langsam durch die vertraute Straße. Die Adresse findet sie schnell.

Sie klingelt.

Eine Frau öffnet die Tür.

„Ich bin Caroline.“

Ihre herzliche Art fällt Alma sofort auf.

Nicht aufgesetzt.

Nicht bemüht.

Einfach präsent.

Schon die ersten Augenblicke lassen etwas in ihr entspannen.

Die Räume wirken warm und einladend. Blumen stehen auf dem Tisch. Das Licht ist weich. An der Wand hängt ein Bild einer Frauengestalt – kraftvoll und zugleich geheimnisvoll.

Alma fühlt sich wohl.

Vielleicht, weil alles so selbstverständlich wirkt.

Nichts an diesem Ort vermittelt ihr das Gefühl, dass sie etwas Besonderes oder Außergewöhnliches tun müsste.

Sie setzt sich mit Caroline in den gemütlichen Sessel.

Sie sprechen.

Über ihren Alltag.

Über ihren Körper.

Über ihre Wünsche und ihre Unsicherheiten.

Caroline erklärt ihr den Ablauf und nimmt sich Zeit für ihre Fragen.

Alma bemerkt, wie ungewöhnlich es sich anfühlt, so offen über ihren Körper und ihre Sexualität zu sprechen – und gleichzeitig, wie natürlich es ist.

Keine Scham.

Keine Peinlichkeit.

Nur zwei Menschen, die sich begegnen.

Nach und nach verschwindet die Anspannung.

Was vorher wie ein großes Abenteuer voller Unsicherheit erschien, fühlt sich plötzlich wie ein möglicher Weg an.

Ein Weg, auf dem sie sich selbst begegnen kann.

Als die Begleitung beginnt, spürt Alma noch einmal ihre Nervosität.

Doch gleichzeitig ist da etwas Neues.

Neugier.

Und eine leise Vorfreude.

Nicht auf ein bestimmtes Ergebnis.

Sondern auf die Möglichkeit, wieder mehr bei sich anzukommen.

 

Ankommen

Bevor etwas geschieht, nimmt Caroline sich Zeit.

Alma liegt noch nicht auf dem Futon. Sie sitzt ihr gegenüber und spürt, dass dieser Moment genauso wichtig ist wie alles, was danach kommt.

„Es gibt heute nichts zu leisten“, sagt Caroline.

Alma lächelt leicht.

Dieser Satz berührt etwas in ihr.

Wie lange ist es her, dass sie irgendwo sein durfte, ohne eine Aufgabe zu erfüllen?

Als Mutter.

Als Partnerin.

In ihrem Beruf.

Fast überall gibt es etwas zu organisieren, zu bedenken oder richtig zu machen.

Caroline spricht von Absichtslosigkeit.

Nicht als Passivität.

Sondern als eine offene Haltung.

„Wir schauen, was sich zeigt. Dein Körper darf heute seine eigene Sprache sprechen. Angenehmes ist willkommen. Ungewohntes darf da sein. Auch Lust, Freude oder Sinnlichkeit müssen nicht zurückgehalten werden.“

Alma hört aufmerksam zu.

Dieser Gedanke fühlt sich neu an.

Bisher hatte sie ihren Körper oft danach beurteilt, ob er so funktioniert, wie sie es erwartet.

Ob sie entspannt genug ist.

Ob sie Lust empfindet.

Ob sie ihrem Partner gerecht wird.

Heute geht es um etwas anderes.

Darum, wahrzunehmen.

Nach innen zu lauschen.

Sich selbst wieder zu begegnen.

Als sie sich schließlich auf den Futon legt, spürt sie zunächst ihre eigene Unsicherheit.

Die ungewohnte Situation.

Die Verletzlichkeit.

Den Moment, in dem sie nichts mehr kontrollieren kann.

Dann legt Caroline ihre Hände auf ihren Körper.

Einfach nur da.

Warm.

Ruhig.

Alma merkt, wie ihr Atem zunächst flach bleibt.

Ein Teil von ihr ist noch aufmerksam und prüft.

Ist alles sicher?

Darf ich mich entspannen?

Doch mit der Zeit verändert sich etwas.

Die Berührung fordert nichts.

Sie fragt nicht danach, ob Alma schön genug ist.

Nicht danach, ob sie etwas geben oder zurückgeben muss.

Sie ist einfach eine Begegnung.

Mit jedem Atemzug lässt Alma ein wenig mehr los.

Nicht weil sie sich dazu zwingt.

Sondern weil ihr Körper beginnt zu vertrauen.

Caroline bewegt ihre Hände langsam über ihren Körper.

Mit einer Aufmerksamkeit, die Alma tief berührt.

Es fühlt sich an, als würde nicht nur ihr Körper wahrgenommen werden, sondern sie als ganzer Mensch.

Und plötzlich kommen Tränen.

Ganz unerwartet.

Alma versteht zunächst nicht, warum.

Sie ist nicht traurig.

Zumindest nicht bewusst.

Doch die Tränen sind da.

Caroline verändert nichts.

Sie bleibt präsent.

„Lass sie einfach da sein“, sagt sie leise.

Mehr braucht es nicht.

Alma erlaubt sich, nicht nach einer Erklärung zu suchen.

Nicht sofort verstehen zu müssen.

Sie spürt nur, dass etwas in ihr weich wird.

Vielleicht sind es die Jahre, in denen sie so viel getragen hat.

Vielleicht die Sehnsucht, selbst wieder einmal gehalten zu werden.

Vielleicht all die Momente, in denen sie funktioniert hat, obwohl ein Teil von ihr müde war.

Die Tränen kommen und gehen.

Und mit ihnen entsteht eine tiefe Ruhe.

Später wird Alma sich an diesen Moment erinnern.

Nicht als den Moment, in dem etwas Besonderes passiert ist.

Sondern als den Moment, in dem sie aufgehört hat, sich selbst zu übergehen.

Als Caroline sie später einlädt, die Augen wieder zu öffnen, fühlt sich der Raum verändert an.

Dabei ist alles gleich geblieben.

Die Blumen auf dem Tisch.

Das warme Licht.

Das leise Geräusch der Stadt draußen.

Nur Alma ist anders.

Ein wenig mehr bei sich.

Ein wenig mehr angekommen.

Sie beginnt zu ahnen, dass Lebendigkeit vielleicht nicht etwas ist, das sie zurückholen muss.

Vielleicht war sie nie weg.

Vielleicht braucht es manchmal nur einen Raum, in dem sie wieder spürbar werden darf.

 

Dem Körper vertrauen

Nach diesem ersten Ankommen verändert sich etwas in Alma.

Nicht sichtbar.

Nicht plötzlich.

Aber sie merkt, dass sie ihrem Körper anders begegnet.

Die Berührung wird zu einem Dialog.

Caroline folgt nicht einem festen Ablauf, sondern nimmt wahr, was sich zeigt. Ihre Hände verweilen dort, wo Almas Körper Aufmerksamkeit zu brauchen scheint, und ziehen weiter, wenn etwas in Bewegung kommt.

Alma erlebt eine Langsamkeit, die ihr zunächst ungewohnt ist.

Im Alltag ist fast alles auf Geschwindigkeit ausgerichtet.

Entscheiden.

Reagieren.

Weitergehen.

Hier darf etwas anderes geschehen.

Wahrnehmen.

Spüren.

Lauschen.

Mit der Zeit verschwindet der Impuls, die Erfahrung mit dem Verstand einzuordnen.

Ist das normal?

Mache ich es richtig?

Was sollte ich fühlen?

Diese Fragen werden leiser.

Stattdessen entsteht ein unmittelbarer Kontakt zu dem, was gerade da ist.

Wärme.

Entspannung.

Ein Kribbeln.

Manchmal auch eine kleine Unsicherheit.

Alles darf nebeneinander bestehen.

Als Caroline ihren Körper ganzheitlich einbezieht, nimmt Alma zum ersten Mal seit langer Zeit wieder bewusst wahr, wie viel Leben in ihr steckt.

Nicht nur in den angenehmen Empfindungen.

Sondern in der gesamten Präsenz ihres Körpers.

Ihr Bauch, den sie nach den Schwangerschaften oft kritisch betrachtet hat.

Ihre Haut, die sich verändert hat.

Ihr Becken, das so lange vor allem mit Funktionieren, Geburt und Sexualität verbunden war.

Alles gehört zu ihr.

Nichts muss getrennt werden.

Eine tiefe Zärtlichkeit für sich selbst entsteht.

Nicht aus Bewertung.

Sondern aus Anerkennung.

Irgendwann bezieht Caroline auch Almas Intimbereich mit ein.

So selbstverständlich, wie zuvor andere Körperbereiche.

Und gerade diese Natürlichkeit berührt Alma.

Dieser Teil ihres Körpers war über viele Jahre mit so vielen Vorstellungen verbunden.

Mit Erwartungen.

Mit Unsicherheiten.

Mit der Frage, ob ihre Lust richtig ist oder ob sie überhaupt noch da ist.

Heute erlebt sie etwas anderes.

Ihr Körper ist kein Bereich, der funktionieren muss.

Er ist ein Teil von ihr.

Lebendig.

Empfindsam.

Wandelbar.

Caroline bleibt aufmerksam und fragt immer wieder nach.

Nicht, um die Erfahrung zu kontrollieren.

Sondern um in Verbindung zu bleiben.

Alma spürt, wie wichtig diese Verbindung ist.

Wie anders es sich anfühlt, wenn sie ihrem eigenen Empfinden folgen darf.

Mit der Zeit entsteht eine feine Sinnlichkeit.

Eine Wärme.

Ein Gefühl von Weite.

Sie nimmt es wahr, ohne danach zu greifen.

Früher hätte sie vielleicht versucht, diesen Moment festzuhalten.

Aus Angst, ihn wieder zu verlieren.

Jetzt darf er einfach kommen und gehen.

Sie beginnt zu verstehen, was Absichtslosigkeit wirklich bedeutet.

Nicht, dass nichts geschehen darf.

Sondern dass nichts erzwungen werden muss.

Auch Lust nicht.

Auch Entspannung nicht.

Auch Heilung nicht.

Alles darf entstehen, wenn die Bedingungen dafür da sind.

Und manchmal geschieht genau dann etwas, wenn der Druck verschwindet.

Alma spürt, wie sich eine lange vergessene Lebendigkeit in ihr bewegt.

Nicht wie ein Feuerwerk.

Eher wie eine Quelle, die wieder zu fließen beginnt.

Sie erinnert sich an Zeiten, in denen sie sich in ihrem Körper zu Hause fühlte.

An Momente mit Philipp.

An die innige Nähe beim Stillen ihrer Kinder.

An dieses Gefühl, ganz Frau zu sein, ohne darüber nachzudenken.

Vielleicht war diese Lebendigkeit nie verschwunden.

Vielleicht hatte sie nur keinen Raum mehr bekommen.

Diese Erkenntnis berührt Alma tief.

Tränen steigen in ihr auf.

Diesmal sind es keine Tränen der Überforderung.

Es sind Tränen der Erleichterung.

Der Körper, den sie so oft bewertet hatte, hatte die Verbindung zu ihr nie verloren.

Er hatte gewartet.

Darauf, dass sie wieder zuhört.

Alma atmet tief.

Sie spürt Wärme.

Ruhe.

Und eine stille Freude darüber, wieder näher bei sich angekommen zu sein.

Nicht perfekt.

Nicht fertig.

Aber verbunden.

 

Nach Hause kommen

Als Alma die Praxis verlässt, ist die Welt noch genau dieselbe.

Die Bus fährt vorbei.

Menschen eilen über die Strasse.

Ein Mann trägt einen Stapel Zeitungen unter dem Arm.

Eine Frau telefoniert und lacht.

Alles ist vertraut.

Und doch nimmt Alma ihre Umgebung anders wahr.

Sie geht langsamer.

Nicht, weil sie nicht weiter möchte.

Sondern weil sie den Kontakt zu sich selbst noch spürt.

Die Wärme in ihrem Körper.

Die Ruhe in ihrem Atem.

Dieses Gefühl, wieder mehr bei sich zu sein.

Sie weiß, dass dieser Zustand nicht einfach so bleiben wird.

Morgen wird der Alltag wieder beginnen.

Die Kinder werden rufen.

Die Arbeit wird warten.

Es wird wieder volle Tage geben.

Aber etwas hat sich verändert.

Sie hat erfahren, dass es einen Ort in ihr gibt, an den sie zurückkehren kann.

Einen Ort, der nicht davon abhängig ist, wie viel sie schafft.

Wie gut sie funktioniert.

Wie sehr sie den Erwartungen anderer entspricht.

Dieser Gedanke begleitet sie auf dem Weg zu Tina.

Eigentlich hatte sie Lust gehabt, ihrer Freundin alles zu erzählen.

Doch als sie sich sehen, merkt sie, dass Worte gar nicht das Wichtigste sind.

Tina nimmt ihre Stimmung sofort wahr.

Sie kennt Alma gut genug, um zu spüren, dass heute kein lebhafter Abend mit vielen Geschichten wird.

Sie gehen essen.

Sie sitzen zusammen.

Sie genießen die Ruhe zwischen den Worten.

Und Alma ist dankbar für diese einfache Vertrautheit.

Später, als sie neben Philipp im Bett liegt, ist es längst dunkel.

Sie kuschelt sich an ihn.

Nicht mit dem Wunsch, dass jetzt noch etwas geschehen muss.

Nicht mit der Erwartung, etwas nachholen zu müssen.

Einfach aus dem Bedürfnis nach Nähe.

Philipp bewegt sich im Halbschlaf und legt seinen Arm um sie.

Alma schließt die Augen.

Dieser Moment ist klein.

Und doch fühlt er sich bedeutsam an.

Denn sie spürt: Verbindung beginnt nicht erst dort, wo etwas Besonderes passiert.

Sie beginnt in den kleinen Augenblicken, in denen sie wirklich da ist.

In den Wochen danach denkt Alma immer wieder an diesen Nachmittag zurück.

Nicht als etwas, das sie wiederholen muss.

Nicht als Lösung für alle Fragen.

Sondern als Erinnerung daran, wie sich Selbstkontakt anfühlt.

Manchmal gelingt es ihr, mitten im Alltag innezuhalten.

Eine Hand auf den Bauch zu legen.

Einmal tief durchzuatmen.

Zu spüren, wie es ihr wirklich geht.

Manchmal gelingt es ihr nicht.

Dann ist sie wieder erschöpft, gereizt oder ganz im Funktionieren.

Doch sie begegnet sich anders.

Mit mehr Freundlichkeit.

Mit weniger Druck.

Auch ihre Beziehung zu Philipp verändert sich langsam.

Nicht, weil plötzlich alles leicht ist.

Sondern weil Alma beginnt, mehr von sich zu zeigen.

Ihre Sehnsucht.

Ihre Unsicherheit.

Ihre Freude.

Ihre Bedürfnisse.

Sie muss nicht mehr darauf warten, dass jemand anderes sie wieder lebendig macht.

Sie entdeckt, dass diese Lebendigkeit in ihr selbst beginnt.

Eines Abends sitzen sie gemeinsam in der Küche.

Die Kinder schlafen.

Der Tag war lang.

Auf dem Tisch stehen noch die letzten Tassen vom Abendessen.

Früher hätte Alma diesen Moment vielleicht als zu unspektakulär empfunden.

Heute nimmt sie ihn wahr.

Das warme Licht.

Philipps Blick.

Die Stille zwischen ihnen.

Sie lächelt.

„Was ist?“, fragt er.

Alma überlegt kurz.

„Ich glaube, ich komme wieder mehr bei mir an.“

Philipp schaut sie an.

Vielleicht versteht er nicht vollständig, was sie meint.

Aber er spürt, dass etwas in ihr weicher geworden ist.

Und das genügt.

Alma weiß inzwischen:

Lebendigkeit ist kein Zustand, den man dauerhaft festhalten kann.

Sie kommt und geht.

Sie verändert ihre Gestalt.

Manchmal zeigt sie sich als Freude.

Manchmal als Trauer.

Manchmal als Lust.

Manchmal als tiefe Ruhe.

Der Weg besteht nicht darin, immer etwas Bestimmtes zu fühlen.

Sondern darin, mit sich selbst verbunden zu bleiben.

Immer wieder.

Tag für Tag.

Atemzug für Atemzug.

Vielleicht ist genau das Nach Hause kommen:

Nicht einen Ort zu finden, an dem alles vollkommen ist.

Sondern einen Ort in sich selbst, an dem alles willkommen sein darf.

 

Barbara Schmid - Erstfassung 2014 - überarbeitet 2026

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